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Ich mache keine Sterbehilfe

Von Tullio Puoti

Alle Menschen müssen irgendwann sterben. In Deutschland sind es jährlich rund 850 Tausend. Manchmal sterben auch Kinder. Ein Hospiz-Dienst begleitet Sterbende auf ihrem letzten Weg und unterstützt die Angehörigen. In Holzminden hilft Diana Schwannecke. Sie ist ausgebildete Sterbe-und Trauerbegleiterin und spricht über Leben und Tod.

„Ich habe Mütter kennengelernt, deren Söhne sich mit 17 das Leben nahmen. Mein Sohn war damals genauso alt, das hat Ängste in mir freigesetzt.“ Diana Schwannecke erinnert sich, als wäre es gestern gewesen. Vor rund sechs Jahren hat die 49-Jährige eine Ausbildung als Trauerbegleiterin absolviert. Zu dieser Zeit hat sie schon etwa drei Jahre Erfahrung als Sterbebergleiterin für den Hospizverein im südniedersächsischen Holzminden. Doch der Umgang mit Sterbenden und Trauernden unterscheidet sich: „Ein Sterbender geht irgendwann. Das ist dann abgeschlossen, da bleibt nichts. Aber die Angehörigen bleiben und es ist nicht so einfach, in manchen Dingen Antworten zu finden“, erklärt sie.

Die Arbeit in einem Hospizverein erfordere in erster Linie Menschenkenntnis und viel Selbstbewusstsein. Zwei Komponenten, die die Ehefrau und Mutter von zwei Kindern nicht von Beginn an hatte. Vor ihrem Ehrenamt war sie als Briefträgerin tätig. Ein Dienstunfall führte jedoch dazu, dass Diana Schwannecke ihren Beruf aufgeben musste. Ihre neue Aufgabe fand sie vor neun Jahren letztlich in der Sterbebegleitung: „Ich freue mich, etwas geben zu können. Ich habe Schwierigkeiten damit gehabt, fürs nichts tun Geld zu bekommen. Ich brauchte eine Rechtfertigung für das Geld. Es war quasi Hilfe zur Selbsthilfe.“ Der Wechsel von der Postlieferung hin zur Sterbe-und Trauerbegleitung sei für viele gewöhnungsbedürftig. Der Ausbildungsbeginn als Gesundheits- und Krankenpflegerin ihrer Tochter ist letztlich der entscheidende Anstoß gewesen.

Das Tabuthema, das keins sein müsste

Der Einstieg in das neue sensible Berufsfeld sei schwer gewesen. Denn die Themen Tod und Sterben werden von den Meisten komplett verdrängt. „Als ich angefangen habe, kam aus meinen Umkreis: „'Diana bitte nicht, bitte nicht mit Sterbenden. Du hast doch Kinder, mach was mit Kindern.' Die konnten das nicht akzeptieren“, erzählt die Hospiz- Einsatzleiterin. Das Sterben und letztlich der Tod ist der natürliche Kreislauf des Lebens. Dennoch ist beides ein großes Tabu in unserer Gesellschaft. In vielen Ländern wird offener damit umgegangen. In Mexiko gibt es zum Beispiel das „Dia de los Muertos“, sprich das „Tag der Toten“-Fest. In Holland dürfen Angehörige die Asche des Verstorbenen zu Hause aufbewahren. Doch in Deutschland gibt es diese Sachen nicht oder sie sind sogar verboten.

Diana Schwannecke kennt viele dieser Sterbetraditionen und vermutetet bei der deutschen Sterbekultur geschichtliche Hintergründe: „Ich glaube, dass sich das über die letzten Weltkriege alles verändert hat. Man wusste, dass es die Sterbekultur gibt aber die Gräueltaten während der Kriege haben die Menschen so beeinflusst, dass die, die es erlebt haben, es ihren Kindern ersparen wollten.“ Das Thema Tod aus Fürsorge gegenüber den Kindern meiden? „Vielleicht falsche Fürsorge“, findet Ulrike Brinkies. Die 74-Jährige ist seit gut vier Jahren Trauergast im Holzmindener Hospizverein.

Mit 39 starb vor elf Jahren ihre Tochter. Zurück blieben vier Enkelkinder, um die sich die Großmutter wie ihre eigenen Kinder kümmerte. Der Verlust ihres Mannes vor fünf Jahren hat sie dann zu Diana Schwannecke geführt: „Ich bin krank geworden. Ich wusste nicht mehr, wie es mit mir weitergeht. Dann erfuhr ich durch Freunde vom Hospizverein und seitdem gehe ich zweimal im Monat dort hin“, verrät Brinkies.

Der offene Umgang mit dem Tod ist für die 74-Jährige im Laufe der letzten Jahre selbstverständlich geworden. Dass die meisten Menschen sich dem verschließen, findet sie problematisch: „Wie soll mir denn geholfen werden, wenn ich nicht darüber spreche. Unsere Gesellschaft schiebt es an die Seite, um die Jugend zu schützen. Doch das ist falsch. Der Tod ist etwas völlig Natürliches.“ Die Gesellschaft sei nicht ausreichend informiert, so dass der jetzige Umgang immer weitergegeben werde. Die deutschsprachige Dichterin Mascha Kaléko schrieb einmal: „Den eigenen Tod stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben.“ Ist es also die Angst vor der schmerzenden Trauer, die uns das Thema Tod verdrängen lässt? Eine Frage, auf die es wahrscheinlich keine exakte Antwort gibt. Ulrike Brinkies rät in jedem Fall dazu, sich qualifizierte Hilfe zu suchen: „Trauerfälle gehören dazu. Über die Geburt sprechen alle aber über den Tod nicht, weil wir Angst haben. Der Hospizverein ist aber eine Hilfestellung, die uns nicht in ein tiefes Loch fallen lässt. Dort sind andere Menschen, denen es genau so geht und die mich verstehen.“

Ein würdiges Sterben

Ob Angst oder einfach Unwissenheit. All diese Umstände erschweren die Arbeit für Diana Schwannecke. „Das fängt doch schon bei Beileidsbekundungen oder Trauerkarten an. Was schreib ich denn da rein? Was sag ich denn? Ach ich lass es lieber. Oder wenn die trauernde Nachbarin kommt: Oh Gott, was sag ich denn. Dann wird lieber die Straßenseite gewechselt, nicht einmal gegrüßt und am besten noch der Kopf nach unten geneigt, so dass man ja nicht angesprochen wird“, verdeutlicht Schwannecke.

Der Hospizgedanke ist es, unheilbar kranke und sterbende Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten, damit er oder sie in Würde sterben kann. Genau dieser Grundgedanke führe aber häufig zu Missverständnissen in der Gesellschaft. „Diana du machst doch Sterbehilfe, höre ich oft. Nein, das mache ich nicht. Wenn du Sterbehilfe möchtest, dann musst du in die Schweiz oder Niederlande gehen. Hier ist das verboten“, erläutert die Sterbebegleiterin. Immerhin habe der Hospizverein durch die bundesweite Diskussion um Sterbehilfe mehr Aufmerksamkeit bekommen. Die Verwechslung von Sterbehilfe und Sterbebegleitung erfordert dafür eine ständige Rechtfertigung. Vielen ist auch unklar, was überhaupt ein würdevolles Sterben bedeutet. „Erstmal ist der Mensch ein Mensch. Auch einem Sterbenden hat man würdig, sorgsam und mit Respekt zu begegnen. Für den letzten Weg gibt es keine Checkliste. Das oberste Gebot lautet aber: Wir wollen Niemanden nötigen. Die Chemie zwischen der Begleiterin und dem Sterbenden samt der Familie muss stimmen.“ Was so einfach gesagt ist, ist schon eine der schwierigsten Aufgaben für die Sterbe- und Trauerbegleiterin: „Es gibt ja nun unterschiedliche Typen von Menschen und jeder hat das Recht auf seine Weise angesprochen zu werden. So individuell wie wir sind, so individuell sterben wir auch. Eine feine Dame möchte halt nicht im verschwitzten Shirt und zerzauster Frisur sterben. Dann ist es meine Aufgabe dafür zu sorgen, dass sie nochmal gepflegt wird.“

Die Wünsche der Sterbenden können völlig verschieden sein. Manchmal sind es sehr große und teure Wünsche. Manchmal aber auch nur kleine Gesten. Als Sterbebegleiterin versucht Diana Schwannecke aber möglichst, jeden letzten Wunsch zu erfüllen: „Für große Wünsche nutzen wir gerne den Wünschewagen, der die Kranken zum Beispiel nochmal ans Meer fahren kann. Manchmal reicht es aber schon die Hand zu halten, zuzuhören und einfach da zu sein.“ In vielen Fällen sei der letzte Wunsch, einen Familienkonflikt zu lösen. Dies sind dann sehr intime Momente, die sich immer wieder unterscheiden, wie Schnwannecke erzählt: „Wir hatten mal einen Fall, da konnte ein Mann sich überhaupt nicht lösen, weil er Kinder in der Ukraine hatte. Da habe ich zu einem Skype Telefonat geraten und das war so gut. Er konnte noch einmal die Familie sehen, die Enkelkinder sehen und da hat es keine zwei Stunden mehr gedauert, bis er losgelassen hat.“

Die Bedürfnisse des Sterbenden und seine Wünsche respektieren. Das ist für Diana Schwannecke ein würdiges Sterben. Mit neun Jahren Erfahrung hat die 49-Jährige aber noch lange nicht ausgelernt. Immer wieder kommt sie in neue Situationen, in denen sie die Lösung noch nicht kennt und einfach nach Bauchgefühl entscheiden muss. Vor nicht all zu langer Zeit ist das der Fall gewesen: „Wir hatten einen Mann, der aus Altersschwäche gestorben ist. Doch dann war da seine an Demenz erkrankte Frau. Wie geht man mit ihr um? Wie nimmt sie den Tod ihres Mannes wahr. Das ist dann schon eine Herausforderung.“ Bei Demenzerkrankten gebe es noch wenig Erfahrungswerte. Die Sterbe-und Trauerbegleiterin hofft, hier zukünftig noch mehr lernen zu können. Alles in einem ist sie mit der derzeitigen Situation in Holzminden aber zufrieden: „Seitdem wir mit unserem Standort noch öffentlicher sind, nimmt man uns mehr war. Wir haben ja 19 Jahre quasi aus der Hosentasche gearbeitet. Für die Zukunft würde ich mir noch wünschen, dass es wieder eine Sterbe-und Trauerkultur gibt, die normal ist. Dass das Sterben wieder Normalität wird und zum Leben wieder dazu gehört. So, dass man keine Angst davor haben muss. Denn auch Sterben ist noch Leben.“

Laufen für den guten Zweck

HOLZMINDEN (r). Er gehört zur guten Tradition bei Symrlse. Seit vielen Jahren organisieren Ulrich Radtke und die firmeninteme Laufgruppe den Frühstückslauf. Symrise-Mitarbeiter treffen sich mit Vertretern Holzmindener Vereine und laufen gemeinsam ohne Leistungsdruck . Denn bei diesem Lauf steht der persönliche Austausch über die gemeinsame Leidenschaft im Vordergrund. Anschließend frühstücken die Läufer miteinander. Wie bereits im letzten Jahr spendete Symrise auch dieses Mal die Startgelder für einen guten Zweck. Die Startgebühren von 360 Euro stockte die Symrise Initiative Sport und Kultur auf 1.000 Euro auf und übergab sie in diesem Jahr an den Hospiz-Verein Region Holzminden. Der Verein hat sich sehr über die großzügige Spende gefreut. Außerdem feiert er in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Am Frühstückslauf beteiligten sieb diesmal etwa 70 Läufer und Walker. Neben den Symrise-Mitarbeitern nahmen Läufer der Vereine Deutsche Eiche Holzminden, MTV Holzminden, MTV Altendorf, MTV Bevern, PSV Holzminden und RunArtist Holzminden teil. Sah es während der Woche noch nach Regen aus, hielt das Wetter am Lauf-Tag. Es blieb trocken und ab und zu zeigte sieb die Sonne. So schmeckte anschließend auch das Frühstück besonders gut. Die Bänke dafür hatte die Jugendfeuerwehr aufgestellt, und das Frühstück lieferte das Symrise-Kantinenteam. "Es freut uns sehr, dass sich unsere Laufgruppe engagiert und wir am Ende den Hospizverein in Holzminden mit dem Erlös unterstützen können", so Reinhard Mühe von der firmenintemen Initiative "Sport & Kultur".